Wie ich einmal eine Briefmarke kaufte.

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Ich habe eine Freundin die bekommt gerne Post. Also so richtig richtig gern. Und besonders gern von Orten von wo sie noch keine hat. Und weil ich ja in der letzten Zeit an ein oder zwei Orten gewesen bin die ein bisschen exotisch sind, hab ich ihr ein oder zwei Karten geschrieben. Das ist ja überall auf der Welt eine relativ simple Angelegenheit. Im Laden für Touristenbedarf die Karte mit dem seltsamsten Motiv aussuchen, was unleserliches draufkritzeln, für die Adresse die Dritte-Klasse-Druckbuchstaben malen, rausfinden was Deutschland in Landessprache heisst und eine Briefmarke besorgen und die Karte einwerfen. Entweder am gleichen Ort oder spätestens am Flughafen. Funktioniert so grundsätzlich auch z.B. in Nordkorea. Ausser dass es dort ein paar Wochen dauert bis meine Karten losgeschickt werden weil die Kryptographieexperten des Geheimdienstes Schwierigkeiten mit meiner Schrift hatten.

Auf dem Weg von Cordoba in Argentinien nach Buenos Aires habe ich einen kleinen Umweg über Asuncion, Paraguay gemacht. Einerseits um mal zu schauen ob das wirklich so ein ödes Kaff ist dass dort sonst niemand hinfährt (Es ist eine überraschend lebendige, sogar in Teilen moderne Großstadt in der es aber leider wirklich nicht viel zu sehen gibt was Touristen so interessiert. Falls man zufällig vorbeikommt, kann man sich aber gut zwei drei Tage die Zeit vertreiben. Z.B. im Hostel im Pool sitzen, denn es ist dort unfassbar heiss und schwül) und andererseits natürlich um eine Postkarte zu schreiben.

War schwierig. Es gibt in Asuncion und vermutlich in ganz Paraguay nur an einem einzigen Ort Postkarten. Zwei Tage lang habe ich erfolglos rumgefragt bis mir jemand den Tip gab, es doch mal in der Touristeninformation zu versuchen. Naheliegend aber auch erstaunlich wo es quasi keine Touristen gibt. Und deswegen ist es natürlich auch Quatsch, dass in der Info jemand sitzt der Englisch spricht. Eine Karte hab ich natürlich trotzdem gekauft, ein zeitloses Siebzigerjahremotiv.
Dass es dort keine Briefmarken gibt, hatte mir der Tipgeber schon gesagt, dafür muss man zur Post. Es gibt anscheinend nur eine in der Stadt. Großes Gebäude, viel Marmor, eine großzügige Halle die dekoriert ist mit Riesenbriefmarken (im ähnlichen Maßstab wie die Schecks die Autohaus-Geschäftsführer in der Weihnachtszeit gern an Einrichtungen für Witwen und Waisen überreichen) anlässlich eines Besuches von Ban Ki-Moon in der Stadt vor zwei Jahren.

Keine Ahnung wie das hier läuft, ich stelle mich an die kürzeste Schlange an. Ist natürlich falsch, Briefmarken gibts an der längsten.
Ich bin dran, sage meinen auswendig gelernten Satz und denke bei der Antwort ich habe mich verhört. Der Schalterdrachen hat einen Preis genannt, für den man in der Heimat ein mittelgroßes Päckchen durch halb Europa schicken könnte. Ich wiederhole Postkarte auf spanisch, in der Hoffnung es hätte beim ersten Mal vielleicht wie DHL Pluspäckchen geklungen. Sie wiederholt die Summe, ich denke mir was solls, ist ja Urlaub und stelle mir dabei die leuchtenden Augen der Postkartenliebhaberin vor, wenn sie ihren Briefkasten öffnet.
Ich zähle mein Geld ab, will es über den Schalter reichen, ernte eine abwehrende Handbewegung von der Frau die nun anfängt ein Formular auszufüllen. Mit zwei Durchschlägen. Sie fragt mich nach meinem Namen. Ich stammele B R I E F M A R K E, sie bleibt beharrlich. Ich gebe auf, sage schnell, wie bei Starbucks, John, hoffe dass sie nicht misstrauisch wird und meinen Pass sehen will. Es klappt. Ich will wieder das Geld übergeben. Sie stempelt das Formular und die Durchschläge, behält einen, reicht mir den Rest und verweist mich an die nächste Schlange. Ich stelle mich an, darf hier nun das Geld übergeben, das Formular wird erneut gestempelt, der Durchschlag verbleibt. Mit dem letzten Papier gehe ich zurück zum Drachen und bekomme überraschenderweise ohne weitere Formalitäten meine Briefmarke und darf sogar die Postkarte hier abgeben!

  1. John, hahaha, ich stelle es mir vor, das Postamt, der kleine, im Zahnbereich vermutlich stark behaarte Stempeldrachen, der große haupthaarlose Mann namens John, der von Schalter zu Schalter geht, in der Hand ein Kärtchen, umspült von Sorge, soeben einen Telefonanschluss bestellt zu haben, oder 20 kg Luftpolsterfolie. Hach. Schön. Ich freue mich doppelt doll jetzt.

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